Birte Horn

 

Kante zeigen
Clemens Ottnad 
Stuttgart 2017   

An den Nahtstellen zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit bewegen sich die Malereien von Birte Horn. Verlassene Architekturen, Industriebrachen und Relikte einer funktionslos gewordenen Alltagswelt sind teils deutlich sichtbar, teils von Farbschichten bis zur Unkenntlichkeit überlagert, oder treffen in ein und derselben Darstellung – häufig an den Kreuzungslinien ihrer jeweiligen Bildgevierte – sowohl als Wirkliche wie auch als Mögliche unvermittelt aufeinander. Dabei zeigt die gemalte Realität die klar abgesetzten Kanten, die zunächst vielleicht noch einen perspektivischen Zugang in die Bildareale zu verschaffen versprachen. Von den geraden Schnittlinien aber erst einmal abgekommen, gerät der die Arbeiten Betrachtende unversehens in ihre eigentlichen räumlichen Untiefen hinein und irrt fortan schier orientierungslos geworden durch das ungesicherte Gelände der anfänglich verloren geglaubten Gegenstände. Schemenhaft lugen dieselben aber – wie verblasste Erinnerungen – hinter den dichten Farbschleiern hervor oder treiben als farbflächene Schollen unstet im eingetrübten Bildfond umher.

Entgegen den allgegenwärtigen Bestrebungen technisch virtueller Realitäten, die die individuelle Wahrnehmung unter einheitlich aseptischen Oberflächen zu kategorisieren versuchen, wird in den Stücken der genähten Malerei von Birte Horn die offensichtliche Abgrenzung verschiedener Schichten noch zusätzlich verstärkt. Einzelne Formen- und Farbenelemente sind anderen Malstücken entnommen und auf bereits vorhandene Kompositionen aufgebracht. Über verschiedene Zeitebenen hinweg fusionieren die Vergangenheit der einmal gefundenen Formulierung mit dem Zukünftigen der erst im Entstehenden befindlichen Arbeit unauflösbar miteinander. Die so entstehenden Verschichtungen ergeben in der Folge ein fast haptisch erfahrbares Bildrelief, dessen Nähte ebenso wenig den Charakter von der selbstverständlichen Art und Weise ihrer Montage verleugnen wollen, wie sie bei Nahem besehen auch als mikroskopisch kleine grafische Punktierungen gelesen werden können, anhand derer die Demarkationen der unterschiedlichen Ebenen hier stattfinden.

Vermag allein schon eine augentäuscherisch gemalte Perspektive einen dreidimensional vorgestellten Raum zu suggerieren, ergänzen die aufgenähten Schichtelemente denselben tatsächlich dann um handfest Materiales und persiflieren ihn zugleich doch wieder nur in seiner relativen Flächigkeit. An den Scheidewegen und Kreuzungspunkten des Sichtbaren und des Unsichtbaren zeigt Birte Horn zwar einerseits ganz klar die Kante, beugt dem Betrachten andererseits dennoch an keiner Stelle vor, genauso beständig auch Sehrichtungen und Zeiten wechseln zu müssen, nach vorne und gleichzeitig zurück zu treten, in Einem fort oben und unten zu vertauschen, um für sich das Drehmoment der Wirklichkeit immer wieder neu justieren zu können. An einer etwa dokumentarischen Sichtung und Sicherung einzelner Artefakte, konkreter topografischer Details oder eines nur persönlichen Erlebens ist ihr dabei in keinem Fall gelegen. Das Vorgefundene sind nur Anlässe zum Sehen.

Wenn also der dunkel glänzende Handlauf eines Spielplatzkarussells an einschlägig bekannte Kindheitserinnerungen appelliert, wie kalt zuerst der Griff, wie immer wärmer dann in rasender Umdrehung, wie glänzend glatt er wurde und kaum zu bremsen war, kippt das präzise geglaubte Sinngedächtnis doch wieder jäh ins Diffuse der vielfach darüber angelagerten Denk- und Farblavuren, um immer wieder neu nachzufragen, was in der Tat erinnert, nur so empfunden oder gar frei fabuliert sei. Ob nun aber unter diesen mit Farbe sukzessive verschütteten Zeithäuten die neue alte Wirklichkeit emporscheint oder ob dieselbe vielmehr angesichts der mit feinsten Nähten Fremdes organisch in sie implantiert wurde: das malerisch so kalkulierte Ungewisse und ihre schwankenden Stofflichkeiten sind Eigenschaft und Widerständigkeit auf einer fortgesetzten Linie.