Birte Horn

 

Der Ort der Schönheit
Dr. Walter Springer
Tübingen 2013             

„Wo ich bin, ist es am schönsten.“ Diesen Satz stellte Birte Horn vor ein paar Jahren über eine Ausstellung – und den Bildbetrachter vor die Frage, welche Vorstellung von Schönheit und idealem Ort diesem künstlerischen Schaffen wohl zugrunde liege. Denn auf den Bildern tauchten schemenhaft  Industrieanlagen, Wachtürme, Fabrikgebäude und Gebrauchsgegenstände auf, welche die Erwartungen, die der schöne und unbeschwert klingende Titel geweckt hatte, subtil unterliefen. Was also bedeutet dieser Satz für ihr künstlerisches Schaffen und Selbstverständnis? Umschreibt er metaphorisch den Ort in der Kunst(geschichte), den sie unbeschwert wechselt, weil Schönheit über alle Stilgrenzen hinweg zu finden ist? Oder ist es die stille Schönheit der Dinge, die sie freilegt, ihnen so die Würde zurückgibt, die sie einst hatten?

Wer sich den Bildern von Birte Horn mit stilkritischen Methoden zu nähern versucht, der wird feststellen, dass die üblichen Grenzen und Konventionen für sie keine Einschränkung bedeuten. Im Gegenteil. Das ist ihr Konzept. Sie fügt scheinbar Disparates zusammen und verwebt es behutsam und unaufgeregt zu einem Bildteppich: Das abbildhaft Konkrete und das unbestimmt Abstrakte, neusachliche Präzision und nonchalant hingewischte Farbfelder, Grafik und Malerei, Pop Art und Surrealismus, Pattern und Monochromes, Collage und Konstruktion. Man mag das postmodern nennen. Auf jeden Fall zeigt es die beschleunigte Wahrnehmung des digitalen Zeitalters, das Fragmentarische und Flüchtige, das Virtuelle und Unverbindliche. Birte Horn führt es uns mit den klassischen Mitteln der Ölmalerei vor Augen, gibt dem Betrachter alle Zeit inne zu halten und den Blick zu entschleunigen.

Es ist ein breites Repertoire von bildnerischen Mitteln und Methoden mit dem Birte Horn ihre unverwechselbaren Kompositionen erschafft: Da sind die Dinge. Eine überschaubare Anzahl von Gegenständen, surreales Treibgut, das sich, aus welchen persönlichen Gründen auch immer, im visuellen Gedächtnis der Künstlerin verfangen hat. Es sind Gebrauchsgüter, die dem Verfall preisgegeben ihre Funktion längst verloren haben: Ein Kinderkarussell, eine Schrebergartenhütte, in die Jahre gekommene Bürogebäude oder Fertiggaragen aus den 60er Jahren. Fern jeder Nostalgie zeigt Birte Horn ihre Schönheit, macht sie bildwürdig und zu Akteuren in ihrem bildnerischen Spiel. Darüber hat sich eine melancholische zuweilen bedrückende Stille gelegt. Es ist einsam um die Dinge geworden.

Und da sind die Farbflächen, die die Malerin perspektivisch in den Raum kippt, kubistisch verschachtelt, verschattet, wie Folien übereinander legt oder mit weißen Schleiern überzieht. Die darunter aufscheinenden Farbkontraste suggerieren taktil erfahrbare Aggregatzustände und lassen die Flächen gefroren, erhitzt, matt, spiegelnd oder glatt erscheinen. Kristalline Härte trifft auf wattige Weichheit, Wechselbäder von warmen und kalten Farbflächen lassen die Bildflächen vibrieren. Darüber legt sich eine wohldosierte, unaufdringliche Lichtführung, aus der sich, unterstützt von gezielten Unschärfen, eine räumliche Wirkung entfaltet. Der Bildraum selbst ist multiperspektivisch aufgebrochen, innen kann auch außen sein, und umgekehrt, und die Fluchtpunkte führen abseits mathematischer Logik ein Eigenleben, das nur den Spielregeln des Bildes verpflichtet ist. Dazu kommt das Spiel mit Größenverhältnissen, die sich ins Bild schiebenden Raster und Ornamentfelder, die Schlaufen, Gitterstrukturen und Pflanzenfragmente.

Wollen die Bilder von Birte Horn Geschichten erzählen? Immerhin tragen sie Titel, wie leerstand, leuchtkasten, zimmer, überwachung oderdoppelhaus, woraus sich leicht etwas erfinden ließe. Doch sind es eher Stichworte, mit denen der Betrachter seinen eigenen Erinnerungsschatz mobilisieren kann. Birte Horn bietet nur eine menschenleere Bühne, in die er eintreten kann. Sie gibt nur eine Richtung vor. Schafft ein atmosphärisches Setting.

Die spannendste aller Geschichten jedoch beginnt, wenn man Figur und Gegenstand vergisst und sich ganz auf das Spiel der bildnerischen Mittel konzentriert, dem wechselvollen Aufeinandertreffen von Farbkontrasten,  den Balanceakten der Form, den vibrierenden Farbflächen, den Rhythmen der Raster und den komplexen Tiefen des Raums. Dann offenbart sich eine bildnerische Intelligenz und Sensibilität und schließlich der Ort, an dem es für Birte Horn am schönsten ist: In der Welt der Malerei.

 

 


Verortung
Birte Horn
2017

Meine Malerei ist weder Erfindung noch ganz Realität, sondern Möglichkeit und Wirklichkeit zugleich. Strukturen und Teile von Architektur, Gegenständen und Farbe werden auf unterschiedlichen Ebenen zu räumlichen Neuordnungen verwoben. Häufig finde ich diese Dinge auf Streifzügen durch leer stehende Orte und Gebäude, deren Verschwinden bevorsteht. Das übrig Gebliebene interessiert mich, weil es, einmal seiner Funktion enthoben, ein bildnerisches Eigenleben entwickelt. 

Zurück im Atelier dienen mir fotografische Notizen als Ausgangspunkt meiner Kompositionen, die mit einer flüchtig angelegten Raumzeichnung beginnen. Die Dinge werden ihrem sicheren Zusammenhang entrissen. Da ich während des Arbeitsprozesses keine fertigen Bilder im Kopf habe, sind sie immer im Entstehen begriffen. Assoziationen drängen sich in den Malprozess, das architektonische Ausgangsgerüst verliert häufig seine Konsistenz. So wird bereits Angelegtes unwichtig und das Unwägbare, Offene gesellt sich zur abbildhaften Wiedergabe. Tatsächlich besteht das dauernde Hinzufügen paradoxerweise vor allem im Wegnehmen. Es ist ein Vorgang des fortwährenden Fragmentierens und Auslöschens, bis die malerische Vernetzung der Ebenen sich Schicht für Schicht ihren Raum greift und an sich tragend wird. 

Neben den mittel– und großformatigen Leinwänden entsteht seit einigen Jahren die Werkserie der Stücke. Sie thematisiert die Destillate der Wirklichkeit auf eigene Weise. Für diese kleineren Arbeiten schneide ich einzelne Stücke aus gemalten Bildern heraus und füge sie auf Leinwand zu neuen Raum-Bild-Strukturen zusammen. Die Abstraktion rückt hier stärker in den Vordergrund. 

 Die Malerei ist für mich ein Zwischenraum, der im Finden von Bildern auch immer das Infragestellen vorwegnimmt. Durch die Vermeidung einer einheitlichen Perspektive und die Brechung der Bildinhalte versuche ich, Gewusstem aus dem Weg zu gehen. Damit führt mich die Frage nach der Dekonstruktion eingeschliffener Wahrnehmung zur Auseinandersetzung mit der eigenen Verortung vor dem Werk und im Werk.